Psychosen – ein zutiefst menschliches Phänomen

Menschen müssen im Unterschied zu anderen Lebewesen um ihr Selbstverständnis ringen. Es gehört zu unseren Möglichkeiten, an uns zu zweifeln, andere(s) zu bezweifeln und dabei auch zu verzweifeln, über uns hinaus zu denken und uns dabei zu verlieren.

Wer lange Zeit verzweifelt ist, ohne Halt und Trost zu finden, wer seine Gefühle nicht mehr mitteilen kann und sie nicht mehr aushält, kann depressiv werden, wer die Flucht nach vorne ergreift, auch manisch. Wer sich selbst verliert, verliert auch seine Begrenzung und Abgrenzung zu anderen. Entsprechend verändert sich die Art, Dinge und Personen um sich herum wahrzunehmen. Die Gedanken werden sprunghaft und weniger folgerichtig.

Dauert dieser Zustand an, sprechen wir von Psychosen. Wer psychotisch wird, ist also kein „Wesen vom anderen Stern“, reagiert nicht menschen-untypisch, sondern zutiefst menschlich.

Eine Psychose ist eine tiefe existenzielle Krise, eine meist alle Lebensbereiche umfassende Verunsicherung. Subjektiv ist nichts mehr, wie es war, auch wenn aus der Sicht von anderen gar nicht viel passiert ist. Vorrangig können Stimmung, Lebensgefühl und Lebensenergie wesentlich verändert sein, dann spricht die Psychiatrie von „affektiver Psychose“. Oder es können vorrangig Wahrnehmung, Denken und Sprache betroffen sein, das nennen Psychiater „schizophrene/kognitive Psychose“. Letztlich hängen Wahrnehmung und Stimmung zusammen. Und jede Psychose ist anders, so wie jeder Traum anders ist, weil jeder Mensch anders ist.

Aus: „Es ist normal, verschieden zu sein.“ Verständnis und Behandlung von Psychosen. Erstellt im Dialog von Psychoseerfahrenen, Angehörigen und Wissenschaftlern in der AG der Psychoseseminare (Hrsg.) 2007

Jeder Mensch kann in seelische Krisen geraten. In Europa leidet jeder Dritte im Laufe eines Jahres unter psychischen Problemen. Ein bis zwei von 100 Menschen erkranken an einer Psychose. Derzeit suchen vier Millionen Menschen in Deutschland psychiatrische Hilfe. Die meisten werden mit Psychopharmaka behandelt. Mittlerweile gehören sie zu den am häufigsten verkauften Medikamentengruppen. Die Anwendung wird auf neue Diagnosen, Befindlichkeitsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und Lebensaltersgruppen – insbesondere Kinder, Jugendliche und alte Menschen – ausgeweitet.

Psychopharmaka sind verführerisch, weil ihre Wirkung der einfachste und schnellste Weg scheint, sich von seelischem Leid zu entlasten und das Umfeld zu beruhigen. Psychopharmaka werden abgelehnt und häufig abgesetzt, weil sie seelisch lähmen, Sprache und Sprechen behindern, Beziehungen verstören und Sexualität beeinträchtigen. Sie können schwere Hormon- und Stoffwechselstörungen sowie beschämende Gewichtszunahme hervorrufen. Körperliche Schäden wie auch Hirnveränderungen sind bei andauernder Einnahme nicht rückgängig zu machen.

Es ist ein Dilemma: Medikamente können hilfreich sein und Genesung fördern. Sie können aber auch ins Gegenteil umschlagen und Genesung verschleppen gar verhindern. Es wird viel experimentiert nach dem Motto „mehr hilft mehr“. Häufig werden Neuroleptika, Antidepressiva, Anxiolytika, Tranquillizer – gerade wenn die erwünschten Wirkungen ausbleiben – in „Behandlungscocktails“ kombiniert. Mit fatalen Folgen für Patienten und ihre Familien. Chemische Mittel können lindern, aber weder Konflikte lösen noch seelische Krankheiten heilen.

Trialogforen sind Orte der Begegnung, in mehr als 120 deutschen Städten. Hier kommen psychoseerfahrene Menschen, Angehörige und psychiatrische Fachkräfte miteinander ins Gespräch. Jede Stimme gilt. Respekt und Wertschätzung regeln den Austausch miteinander. Psychoseseminare sind von der optimistischen Haltung getragen, dass es möglich ist, trotz Leid, Ohnmacht und Hilflosigkeit mit psychotischen Krisen zu leben. Hier werden Psychosen auch als Stärke wahrgenommen, als ein Ringen um Autonomie und die Bewältigung innerer Konflikte. Psychotische Krisen gehören zum Menschen. Im Trialog sind alle Beteiligten Experten in eigener Sache.

1989 wurden die ersten Trialogforen von Dorothea Buck (Mitbegründerin Bundesverband Psychiatrie-Erfahrene) und Thomas Bock (Leiter der sozialpsychiatrischen Ambulanz am UKE in Hamburg) initiiert.

Mehr Informationen finden Sie hier: www.trialog-psychoseseminar.de

Aus der Trialog-Bewegung hat sich die EX-IN-Ausbildung (Experienced Involvement) entwickelt. Hier werden psychiatrieerfahrene Menschen zu Genesungsbegleitern ausgebildet. Die Ausbildung zum Peer-Begleiter basiert auf dem Erfahrungswissen der TeilnehmerInnen und qualifiziert sie dafür, Menschen in psychischen Krisen zu begleiten. So soll der Einfluss der Experten aus Erfahrung gestärkt und Diskriminierung bei der psychiatrischen Behandlung verringert werden.

Mehr Informationen finden Sie hier: www.ex-in.info